Selig 2014 vs. Selig 2017

Es ist 1:00 Uhr in der Früh und ich bin trunken.

Nein, nicht BEtrunken…nur für den Fall, dass diese Assoziation dem Leser in den Sinn kommt.

Randvoll gefüllt mit Emotionen, erschöpft von aufgerissenen Wunden, glücklich, dabei gewesen zu sein.

2014, als ich Selig das erste Mal live in der Reithalle E in Dresden sah und hörte, haben mich meine Gefühle weggespült. Es war ein leises, fast zaghaftes Konzert an einem Dienstag im Oktober. Die wenigen Besucher ließen einen uneingeschränkten Blick auf die Musiker zu und ich konnte mich hineinfühlen in die Worte und Melodien aus zwanzig Jahren. Vielleicht, weil die Lieder der Jugend die Begleiter der ersten tiefen Gefühle waren, vielleicht, weil ich in einer besonders empfänglichen Phase war…es wurden alte, längst vergessene verdrängte Gefühle wieder lebendig und hinterließen einen Menschen, der sich erst wieder neu ausrichten musste.

Vielleicht lag es auch an der Band, die nach einer längeren Pause sehen wollten, ob ein bisschen vom „früher“ noch da ist. Zwischen ihnen und dem Publikum. Es gehörte viel Mut dazu. Besonders, da viele der „Alten“ und „Mittelalten“ sich wieder zusammenfinden, um noch sich noch ein klein wenig im Restruhm vergangener Zeiten zu sonnen. Im Hinterkopf immer die Frage, ob sich diese Ochsentour überhaupt lohnt.

2017, mein zweites Mal…Haus am Auensee in Leipzig…und ich war schon bei den ersten vernommenen Takten wieder voll drauf oder drin oder beides.

Die Musiker sind um so vieles gelöster. Der Spaß an ihrem Tun war allen vieren anzumerken und eine Augenweide. Sie nahmen uns, ihr Publikum, mit und erzählten ihre Geschichte auf eine neue Weise.

Besonders Jan Plewka, der 2014 für seine Verhältnisse so ruhig und sparsam gestikulierte riss alle mit sich mit. (Meine Hochachtung vor dieser Kondition. Schon nach drei Liedern wäre ich schweißgebadet und hektisch keuchend in irgendeiner Ecke zu finden gewesen.)

Die vorgetragenen Lieder Die neuen Lieder aus dem Album KashmirKarma haben Selig sehr geschickt in das gesamte Konzert eingebettet und das mehr als enthusiastische Publikum mit mehreren Zugaben belohnt.

Tja, die Ochsentour hat sich in meinen Augen gelohnt. Live und per Konserve ziehen die Herren einen immer noch in den Bann! Es ist kein „versus“, es ist eine Weiterentwicklung, die neugierig auf weitere Werke macht!

Vielen Dank!

 

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Abgrund

Verdammt, ich dachte, ich wäre in Sicherheit!

Da ist er wieder, der Sog, der mich mitnehmen will.

Nur eine Weile unaufmerksam, nicht auf „Hab acht!“

Er hat seine Chance sofort genutzt.

Schwarz und düster liegt er unter mir und zieht und zerrt, will mich verschlingen.

Lädt mich ein, in sein samtenes Vergessen.

Will, dass ich mich ihm hingebe, loslasse, mich bette.

In seinen Armen.

Bittersüße Versuchung.

Kein Schmerz, keine Gedanken, ewiger Schlaf, Ausruhen.

Jetzt noch nicht!

Ich bin noch nicht bereit, noch soviel liegt vor mir, an Aufgaben.

Warum sie angehen?

Verlockung.

So weich, das Vergessen.

Reiße mich los, verabschiede mich dennoch zögerlich von ihm.

Tauche auf, schwimme auf einem Meer aus Gedanken, atme flach, um ihn nicht zu wecken.

Ihm für heute keine Gelegenheit zu bieten.

Und bin doch schon tot.

Ein Besuch bei Doctoren

Es begab sich, dass ich, zu dreiviertel preußische Glorie, den Glanz Sachsens durch meine Anwesenheit zu vervollkommnen gedachte.

Aus überaus privaten Gründen machte ich mich daher am letzten Wochenende nach Pirna auf, die kleine, auf Hochglanz polierte Perle an der Elbe.

Was sich mir auf den ersten Blick darbot, war in höchstem Maße langweiliger Kleinstadtflair. Es war Samstag am Nachmittag und wenn es denn Bürgersteige gegeben hätte, wären diese sicher hochgeklappt gewesen.

Doch ich war ja nicht zum Vergnügen da! Nein, eine Audienz bei den russischen Doctoren, war mein Anliegen, da diese mir zur Heilung meiner unzähligen Gebrechen empfohlen wurden. Sie stützen ihr umfangreiches Fachwissen auf die Erforschung der Schriften und Plagiate des großen russischen Dichters, Philosophen und verbotenerweise praktizierenden Arztes namens Pratajev.

So harrte ich den Nachmittag aus und besuchte bis zum Abend den weißen Turm, den Kommandanten, ein Restaurant und einen feinen Pub.

Als ich dann in der Langen Straße 36 eintraf, war die erste Heilung schon in vollen Gange. Mit leicht sächsischem Zungenschlag (Dr Makarios – Gesang) und rhythmischen Tönen (Dr Dr Pichelsteiner – Gitarre) hatten sie die ersten Gäste schon in ihren Bann gezogen. Es war ein Vergnügen, so viele gesunde und fröhliche Menschen zu beobachten.

Auch die Umgebung war der Genesung sehr zuträglich. Die Doctoren gastierten in den privaten Räumen des Eigentümers, die eine heimelige Atmosphäre schufen.

Manche der Gäste (und das machte mich zunächst misstrauisch) schienen zum wiederholten Male bei den Doctoren zu Gast zu sein! Hielt die Heilung nicht an? Waren auch hier nur Scharlatane am Werk? War ich vor lauter Verzweiflung einem Irrtum aufgesessen?

Schon bei der nächsten Interpretation des Liedguts von Pratajev belehrten mich die Doctoren eines Besseren. Denn, jeder Schluck ist ein guter Schluck, ist eine Kur, die nur die gesündesten Menschen überleben. Sehr tiefsinnig erinnerten sie mich ebenfalls daran, dass der Mensch nicht das Zentrum des Universums ist und auch die Ratte ein Herz hat.

Sie zogen ihre Anhänger sprachlich auf höchstem Niveau in ihren Bann und sorgten so (und mit Hilfe des Wässerchens namens „Bulbash“) für tiefe Entspannung und der daraus folgenden Ausgelassenheit.

Leider kann ich aus gesundheitlichen Gründen diese Art der Heilung nur in unregelmäßigen Abständen genießen. Dann was will ich beim Doctor, wenn ich mir nichts fehlt? Auch meine Worte können leider nur unzureichend die Stimmung der Konsultation wiedergeben, deshalb empfehle ich den geneigten Lesern eigenen Besuch bei den Russian Doctors.

Ich selbst habe ein Stück bisher unbekannter Familie getroffen, es gibt Zufälle im Leben, die keine sind. Daher sende ich einen anonymen Gruß an den Löwen Lesnikow!

Nasdrowje, Salut, Slainte, Skol tamefan, Cheers, Zum Wohle!

Bis zum nächsten Mal an der Schnapsbar!

 

Der Bröseleimer

Die Geschichte des Bröseleimers ist lang und voller Abenteuer.

Von Anbeginn der Menschheit spielte er eine entscheidende Rolle bei allen Ritualen zur Geisteranrufung und auch bei einfachen geselligen Zusammenkünften.

Zunächst wurde er als Behältnis für leicht fermentierte Gebräue verwendet, die gewöhnlich zur Bewusstseinserweiterung in streng beaufsichtigten Zusammenkünften den Menschen verabreicht wurden. Da diese Getränke, zu viel verabreicht, nicht mit jedem Magen kompatibel waren, wurde der Bröseleimer, damals noch aufgeblasene Mägen oder Blasen der Beutetiere des Menschen, ein weiteres Mal durch die Runde geschickt, um die Magenprobleme aufzufangen.

Seine Blütezeit erfuhr der Bröseleimer zur Zeit der Römer, die sich ja bekanntermaßen bewusst übergaben, um Platz für weitere Speisen zu schaffen. In den Tagebüchern des Brutus fand man sogar den lateinischen Namen überliefert. „cubo de devolver“

Unschwer kann man hier den Wortstamm des heutigen „Kübels“ erkennen.

Da die Menschheit etwas maßvoller wurde, vielleicht waren die Geschichtsschreiber auch müde, liest man lange Zeit nichts über den Bröseleimer.

Lediglich im Norden Afrikas wird er, als „Fes“ bezeichnet, tagsüber als Kopfbedeckung genutzt, um in der Nacht seiner wahren Bestimmung gerecht zu werden. Seither hat er auch die praktische Form eines abgestumpften Kegels. Er muss nun nicht mehr von Sklaven, Leibeigenen oder anderen Jünglingen getragen werden, nein er hat jetzt genug Standfestigkeit um auch in leicht abschüssigem Gelände mindestens die Magenprobleme von einer rituellen Zusammenkunft aufzunehmen.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde dem Bröseleimer eine neue Bedeutung zugeordnet. Der Drang der Menschen immer neue Bewusstseinsebenen zu erreichen führte zum „Eimerrauchen“. Nur die eingefleischtesten Historiker wissen heute noch, was es damit auf sich hat.

Heute gilt der Bröseleimer als schickes Accessoire des Mannes. Zu Beginn des Abends wird er getragen wie ein „Fes“. Zur heißesten Phase des Abends dient er als Behältnis für eine geheimnisvolle Flüssigkeit lateinamerikanischen Ursprungs namens „Sangria“. Auf dem Heimweg ist er die Positionsglocke mit der gegen alle Zäune der Nachbarschaft gedonnert wird. Ist der Mann dann endlich in seiner Höhle, auf seiner Bettstatt angekommen, drapiert er den Bröseleimer liebevoll neben eben dieser. Egal, was in dieser Nacht noch passiert, der Bröseleimer ist gewappnet!

Diesen Bröseleimer erhalten Sie in der Trendfarbe „karminrot“. Das Material ist dem Geist der Zeit geschuldet und vereint die Vorzüge eines kaum wahrnehmbaren Gewichts verbunden mit einer leicht zu reinigenden Oberfläche. Im Inneren ist er mit einer praktischen Zielvorrichtung ausgestattet. Als kostenfreies Extra gibt es in dieser Version einen metallenen Henkel dazu.

Für einen geringen Aufpreis erhalten Sie das praktische „Am Tag danach – Set“. Es enthält alle wichtigen Überlebenshilfsmittel für den jungen Erwachsenen.

Da der Bröseleimer traditionell zu Schnapszahlen geschenkt wird, ist er das ideale Geschenk zum 22. Geburtstag!

30.09.2013

Die Art

Gestern Abend, am 22.04.2017 spielten sie wieder auf. In der südbrandenburger Provinz, im Landei Lugau.

Die Art eine 1986 gegründete Band, Kapelle, Combo, Gruppe…was auch immer.

Nein, eine Augenweide sind sie für das – durch die Hochglanzfotos der neuen Sternchen überlastete – Auge des Besuchers wahrlich nicht mehr. Die Zeit, das Leben und der damit verbundene Alterungsprozess sind stets in vollem Gange und hinterlassen auch an den Idolen der Jugend nicht zu übersehende Spuren. Sobald der Gast aber die Augen schließt und sich der Musik öffnet, wird er mitgenommen in die Mischung aus Schwermut und Leichtigkeit, lauten und leisen Tönen.

Es war schön! Nicht das „Schön“, das der kleine Bruder von „Scheiße“ ist, sondern das „Schön“, das die Gedanken weich macht und die Sinne für Gefühle öffnet.

Das Publikum, bestehend aus den alternden Größen der regionalen Partygänger, war ebenfalls nicht in Gänze eine Augenweide, wenn man die Maßstäbe der oberflächlichen Schönheit anlegt.

Nein, es war echt! So wie immer, so wie damals, so wie gestern, so wie morgen.

Zu einem Teil ein wenig zäh, zu einem weiteren Teil ein wenig über die Maßen motiviert, lauschte es der Musik und tanzte zuweilen. Es wurden Gespräche geführt über alte und neue Zeiten und manchmal war sogar der Grund der Anwesenheit vergessen. Die Musik.

Für „Die Art“ keine unbekannte Situation, da sie es doch gewöhnt sind, auch emotional schaumgebremstes Publikum zu unterhalten.

Mir fehlt das Rüstzeug, eine musikalische Darbietung rational zu bewerten. Also bleibt mir nur, den subjektiven Eindruck wiederzugeben:

Unbeirrt und mit gleichbleibend guter Qualität interpretierte die Band ihre Stücke. Aufgrund des Alters, des Genres und der Größe der Bühne, gaben die Mitglieder (gottseidank) keine, durch sportliche Einlagen unterbrochene Show. Einzig der Sänger unterstrich durch gelegentliche dezente körperliche Kapriolen die Botschaften der Liedtexte. Seine Stimme, die mich zum wiederholten Mal positiv überraschte, schaffte es, das Publikum den Grund seiner Anwesenheit in Erinnerung zu rufen und den Fokus wieder auf das Wesentliche zu richten. Die Musik…

…denn eines sollte uns bewusst sein: Noch bevor die Augen oder die Stimme die Arbeit im menschlichen Körper aufnehmen, ist unser Gehör das Tor zu der Welt in der wir leben.

Milano 2017

Tag 1: Mission (Im)possible?!

2:30 Uhr war die Nachtruhe für mich beendet. Gar nicht schlimm mit der Aussicht auf ein kurzweiliges Wochenende. Wenn man es ganz nüchtern betrachet, war der Tag durch Laufen geprägt. Vermischt mit einem Gutteil „Wir-lernen-den-ÖPNV-vonMilano-kennen“. Wir, das sind meine Begleitung und ich.

Gesehen haben wir schon eine ganze Menge von Milano – und natürlich von Paderno – denn dort ist unser temporäres Domizil.

Während der Latscherei durch die Stadt erwähnte meine Begleitung ein (zunächst) kleines Ungemach. Sie hatte sich eine Blase am kleinen Zeh des linken Fußes zugezogen. Voller Empathie hörte ich der Begleitperson zu, aber nur solange, bis sie im Zug den Schuh auszog und das gesamte Abteil an den gesammelten Fußdüften des Tages teilhaben ließ.

Da mir die Jammerei, mit immer größer werdendem Druck, tierisch auf den Zeiger ging, suchten wir eine Farmazia auf. Dort radebrechten wir auf englisch (die Fremdsprache mit meinem größten Wortschatz) und spanisch (meiner liebsten Fremdsprache) gemeinsam mit den hilfsbereiten Angestellten durch das Angebot der Blasenpflaster. Wir bezahlten ein mittleres Vermögen, bekamen aber (vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Höflichkeit, wahrscheinlich aus Sensationslust) einen Hocker zugewiesen, auf dem ich die Begleitperson sofort verarzten konnte. Unendlich dankbar (wenn auch eher ob der Tatsache, dass die Jammerei ein Ende haben könnte), befreite ich mit hochdramatischen Gesten das Pflaster von seinem Schutzpapier und befestigte es auf der Stelle des Ungemachs. Es war eine olfaktorische Herausforderung, die auch dem Verkaufspersonal nicht verborgen blieb. Die Beiden waren einhellig der Meinung, wir wären „Tedesci simpatico“.

Sofort hellwach beschäftigte sich mein Gehirn fortan mit folgenden Fragen: „Es war nur ein Pflaster, was für Deutsche habt ihr eigentlich kennengelernt?“ „Was machen meine Landsleute im Ausland, dass die dortigen Einheimischen eine so kurze Szene lobend erwähnen?“ „Ist es möglich, dass es meine Mission ist, das Bild des Germanen im Ausland durch mein Tun, Schritt für Schritt zu verändern?“ „Habe ich die Macht, das Durchhhaltevermögen und die richtigen Instrumente dabei?“ „Kann ich überhaupt etwas bewirken?“

… wird fortgesetzt …